Da unser Körper und die darin ablaufenden Mechanismen sowie die äußeren beeinflussenden Umstände, gemeinsam ein sehr komplexes System darstellen, ist es hilfreich die groben Abläufe zu verstehen. Oder sagen wir besser, die Abläufe, die die Wissenschaft überhaupt bisher annähernd kennt. Denn neben den „bekannten“ Schilddrüsenhormonen T4, T3, T2 und T1 gibt es viele weitere Derivate (iodhaltige Signalstoffe, Aminosäurederivate, Facilitatoren [Unterstützer], etc.), von denen eigentlich niemand weiß, was diese tun oder ob wir abschließend überhaupt alle Faktoren kennen. Auch für T3 und reverses T3 sind die Funktionen nicht vollständig und abschließend bekannt. In wissenschaftlichem Kontext und auch in jeder anderen Situation ist es daher immer sinnvoll a) zu wissen, was man nicht weiß und b) nicht zu glauben, dass das was man weiß auch für immer seine Gültigkeit behält.
Was wir über die Schilddrüsenhormone zu wissen glauben
Wenn wir uns die schematische Darstellung von T4 anschauen, dann sehen wir eine Iod Verbindung, an die 4 Iodatome gekoppelt sind. Für das T3 und rT3 betrachten wir im Laufe der Deiodierung – also der „Wegnahme“ von Iodatomen – die unteren 2 Iodatome. Um aus dem T4 das T3 zu machen, wird an einer spezifischen Stelle des T4s mithilfe der 5‘ Deiodase ein Iodatom „aufgelöst“, so dass das T3 entsprechend nur noch 3 Iodatome aufweist. Dasselbe passiert für das rT3, nur dass hier eine andere Deiodinase zum Einsatz kommt, die an der anderen Stelle das Iodatom „auflöst“.

Diese schematische Form und die Information an welcher Stelle konkret ein Iodatom entfernt wird, bestimmt darüber:
a) an welche Rezeptoren in einer Zelle das Iod-Konstrukt andocken kann und
b) welche Wirkung es in der Zelle entfaltet.
Betrachten wir beim T4 die Wirkung in der Zelle, sehen wir eine mäßige Aktivität in Bezug auf unseren Metabolismus/ Stoffwechsel. Daher sehen wir das T4 eher als eine Art Speicherhormon an. Es ist so etwas wie unser Kühlschrank, aus dem sich unser Körper bedient, wenn er mehr T3 benötigt. Sehen wir das genannte Iod-Konstrukt des T3 an, sehen wir eine hohe Aktivität in der Zelle. Daher spricht man gemeinhin beim T3 vom aktiven Hormon, dass darüber bestimmt, ob unser Stoffwechsel optimal läuft. T3 erzeugt also eine starke Wirkung in der Zelle. Das rT3 wiederum bei dem die 5 Deiodase zum Wegfall des hinteren unteren Iodatoms führt, dockt zwar am selben Rezeptor wie das T3 in der Zelle an, entfaltet hier aber keine Wirkung wie das T3. Es „blockiert“ sozusagen unseren Stoffwechsel oder bremst ihn aus. Warum das eine sinnvolle Konstruktion ist und rT3 nicht der Teufel ist, klären wir später. Wie eigentlich immer, ist es wichtig den Menschen mit den verschiedenen Abläufen im Zusammenhang zu betrachten.

Wie ist das mit den Rezeptoren und Wirkungen in der Zelle zu verstehen?
Jeder Rezeptor einer Zelle ist eine Art Schlüsselloch und nur die darauf passenden Schlüssel können andocken und ihre spezifische Wirkung entfalten. Jetzt sind die Rezeptoren/ Schlüssellöcher komplexer als etwa ein einfaches Türschloss, wie wir es von unserer Haustür kennen. Denn im Beispiel von T3 und rT3 lassen die Zellen nicht nur einen Schlüssel zu, sondern gleich 2 Schlüssel dürfen andocken. Rein faktisch konkurrieren also T3 und rT3 am Rezeptor um den Andockplatz. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass wir je 1 „Stück“ T3, 1 „Stück“ rT3 und genau einen Rezeptor haben, dann ist schnell klar, dass die Chance von T3 und rT3 einen Rezeptorplatz zu ergattern gleich groß ist. Ändert sich das Verhältnis zu Gunsten des ein oder anderen, wird auch deutlich, dass dies einen immensen Einfluss auf unseren Stoffwechsel hat. Denn wie bereits erläutert, die 2 verschiedenen Schlüssel T3 und rT3 aktivieren beim „Aufschließen“ des Schlosses unterschiedliche Mechanismen.
Kürzlich haben wir einen lustigen und zugleich guten Vergleich in dem Zusammenhang gehört. Da hat ein funktioneller Mediziner in den USA T3 und rT3 mit zwei jungen Männern verglichen, die um dieselbe Frau werben. Und nur wenn der Mann T3 heißt, entfaltet sich die Magie der Liebe. Heißt der Mann rT3 und steht vor der Tür, reagiert die Angebetete nicht und die Tür bleibt zu. Die Magie der Liebe bleibt aus.

Wieso benötige ich eine „Stoffwechselbremse“ wie das rT3?
Schaut man in die Vergangenheit der Menschheit zurück, ergibt dieser Mechanismus sehr viel Sinn. Es gab nicht immer Supermärkte und hochkalorisch verarbeitete Lebensmittel oder Autos, die einen überall ohne Aufwand hin transportieren konnten. In einer Hungersnot oder an Fastentagen wünscht sich keiner einen schnellen Stoffwechsel, denn dann ist man auch schneller Tod.
Unser Körper hat ein ausgeklügeltes System, um die Schilddrüsenhormone in der genau benötigten Konzentration zur Verfügung zu stellen, die wir in jedem denkbaren Zustand benötigen. Völlig egal, ob wir gerade Sport machen, auf der Couch liegen, Sex haben, vor dem Rechner sitzen oder tief und fest schlafen.
Mal angenommen du machst Kraftsport – 1 Stunde lang, diverse Ganzkörperübungen. Hier wird eine Menge Energie benötigt, die natürlich nicht aus dem Nichts kommt und für die du eine Menge T3 mobilisieren musst. Um ausreichend T3 zu mobilisieren, benötigst du ausreichend T4. In der Regel hat unser Körper hierfür kleine Reserven in den Organen, in denen dann bedarfsgerecht in T3 umgewandelt wird. Machst du neue und ungewohnte Dinge, fordert dich das mehr und es muss auch mehr geliefert werden. Du machst nicht alles immer genau gleich, mal strengst du dich mehr an und mal weniger. Hier hat dein Körper mehrere Stellschrauben, um zu verhindern, dass zu viele Hormonen das System fluten. Eben genauso wie es Mechanismen gibt, die verhindern, dass zu wenig Hormone da sind. Eine Stellschraube gegen das Zuviel ist das rT3, dass wie die Bremse unseres Autos funktioniert. Trainiere ich deutlich über meine Verhältnisse (Übertraining = Stress) wird der Körper das rT3 erhöhen, was uns zum einen zwei bis drei Tage zur Ruhe bringen wird, damit die Energie in die Heilung und Reparatur fließen kann. Wir haben nämlich keine unendliche Energie zur Verfügung.
Welche Rolle spielt Stress und Cortisol in diesem Zusammenspiel der Schilddrüsenhormone?
Unter Stress verschlechtert sich die Umwandlung von T4 in T3 durch die hemmende Wirkung von Cortisol auf das Enzym 5‘-Deiodinase. Dies fördert wiederum die Bildung von rT3 und die durch Stress ausgelösten Entzündungsprozesse. Insbesondere bei chronischem Stress werden zudem vermehrt Zytokine freigesetzt, die die Umwandlung von T4 zu T3 ebenfalls hemmen können. Entzündungsmarker wie Interleukin-6 (IL-) und Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-alpha) beeinflussen den Schilddrüsenstoffwechsel und können ebenfalls die Aktivität der Deiodinasen verschlechtern.
Grundsätzlich versucht dein Körper in Stresssituationen, Energie zu sparen, um mit der Belastung umzugehen. Das kennst du vielleicht auch von sportlichen Anpassungsprozessen, bei denen der Körper mit der Zeit immer effizienter wird – also weniger Energie verschwendet – und du mehr für denselben Effekt tun musst. Insbesondere gilt dies für exzessiv betriebenen Ausdauersport. Dieser hält dein Cortisol sehr lange hoch. Mehr zu dem Thema Sport und Schilddrüse findest du hier.
Diese Mechanismen unseres Körpers werden also dann zum Problem, wenn wir uns in einem chronischen langanhaltenden Stresszustand bewegen. Die erste Maßnahme bei schlechten Schilddrüsenwerten – unbenommen der Tatsache, dass du dies natürlich von deinem Arzt prüfen lässt – ist es sich mit aktivem Stressmanagement zu beschäftigen. Du selbst kannst dich in der Regel schon sehr gut einschätzen und kennst sicherlich einige deiner Auslöser für Stress. Hieran gilt es dann zu arbeiten und diese Auslöser entweder in etwas positives zu wandeln oder aber zu entfernen. Typische Stressoren sind Partnerprobleme, Unzufriedenheit im Job, Über- oder Untertraining, aber auch Dinge wie Nährstoffmängel, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, starke Blutzuckerschwankungen, chronische Infektionen oder akute Infektionen, hormonelle Dysbalancen oder starke Belastung mit Umweltgiften. Natürlich gibt es vielzählige weitere Faktoren.
Viele deiner Stressoren kannst du mit einem für dich individuell angepassten Lebensstil hervorragend selbst eliminieren.